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Eine buddhistische Einigungsfläche zum Umgang mit Leid

von
Michaela Schultz und Alexandra Lyamina

Die globalisierte Welt lässt uns vielleicht nicht immer Verbundenheit spüren, aber zumindest das ständige Verbundensein. So entstand Anfang des Jahres im zu Deutschland weit entfernten Land China der Virus Covid19 und verbreitete sich pandemisch. Dieses Lebewesen von unfassbarer Winzigkeit brachte mit seinem plötzlichen Erscheinen in der Existenz weltweit gesellschaftliche und politische Konsequenzen mit sich. So beschloss ua. der Präsident der ebenso weit entfernten Vereinigten Staaten die Grenzen seines regierten Territoriums zu schließen und nahm dadurch auch Einfluss auf das Tagesgeschehen hier im Genrin Tempel in Herrischried. Das geplante Seminar „Befreiung und Verwirklichung“ von Zenki Christian Dillo Roshi konnte nicht stattfinden, stattdessen musste Dillo Roshi schnellstmöglich zurück in die Staaten, um weiteren schwerwiegenderen Konsequenzen vorzubeugen. Dieses mit den Augen nicht sichtbare Wesen brachte also innerhalb kürzester Zeit weltweit anthropozäne Strukturen ins Schwanken.

In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche bekommen wir die Möglichkeit über unsere Werte präziser nachzudenken. Der Konsum, die Vielfältigkeit der Interaktionen wird beschränkt und wir stellen uns die Frage: Was brauchen wir wirklich?

Als im Johanneshof das Seminar ausfallen musste, konnte die Frage mit „Es braucht einen Austausch“ beantwortet werden.

Wir möchten gerne den Sanghamitgliedern von der bemerkenswerten Veranstaltung erzählen, welche mehr als nur ein Ersatz für das Seminar war. In unseren Schilderungen erheben wir keinen Anspruch auf Richtigkeit im Sinne dharmischer Lehre. Sondern wir schildern lediglich unsere Beobachtungen des sehr persönlichen Austauschs von Erfahrungen und Gedanken.

Was wurde aus der Situation und dem ursprünglich geplanten Seminar gemacht? Es wurde sich die Zeit genommen, ein anderes Seminar unter der Leitung von Ikyo Ottmar Engel Roshi und Keizan Dieter Plempe Sensei stattfinden zu lassen. An zwei Tagen gab es Vorträge, mehrere Diskussionen - auch mit Bezug zur Coronakrise und allen damit verbundenen Fragen – von einer Intensität und Ausführlichkeit, die es so (so bemerkte ein langjähriger Praktizierender) vorher im Johanneshof noch nicht gab. Es wurde hinsichtlich der Themen Freiheit und Freundlichkeit dazu eingeladen nachzuspüren und nachzudenken.

Die leidlindernden und damit humanitären Botschaften des Buddhismus boten uns eine geistige Einigungsfläche, mithilfe welcher wir uns mit folgenden Fragen beschäftigen konnten.

Es handelte sich um zwei Aspekte der Buddhistischen Lehre - das Leiden und die Freundlichkeit. Diese zwei Begriffe stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang zueinander: wenn das Leiden als Kennzeichen von Samsara gesehen wird, dann wird die Freundlichkeit oder ein Wohltun zugunsten aller Wesen als der Weg das Leiden zu mildern gesehen. Es ging also im Kern um die Fragen: Wie leidet ein/e BuddhistIn? Wie lindert ein/e BuddhistIn Leiden? Dazu sprach Keizan Dieter Plempe Sensei über Freiheit und Freundlichkeit und Ikyo Ottmar Engel Roshi über das Sich-Verorten im Körper und dem Unterschied zwischen biografischer Zeit und Seins-Zeit.

Schmerz und Leiden

Zunächst: Was ist Leid aus buddhistischer Sicht? In den Diskussionen wurden zwei Aspekte deutlich. Es wird eine Notwendigkeit verspürt, Schmerz und Leid semantisch zu differenzieren. Nach diesem durchdringenden Erkennen der Differenzierung von Schmerz und Leid, gewinnt Leid an sich eine neue Erlebensqualität. Mit dieser inhärenten neuen Erlebensqualität von Leid entsteht wiederum der Wunsch nach einem neuen Begriff für das (Mit-)Leiden zu finden. Was ist der Unterschied von Schmerz und Leid? Schmerz ist eine mentale, emotionale oder physische Soheit und Leiden ist das (überwindbare) gedankliche Begleiten von Schmerz. Durch die Differenzierung kann die Identifizierung des eigentlichen Schmerzes leichter erfolgen, wodurch ein gezielterer Umgang möglich wird. Um es in einem Bild von Engel Roshi auszudrücken: Der Schmerz wird von der gedanklichen Kochplatte genommen, um Leiden –  welches durch gedankliches Hochkochen verursacht wird – zu lindern. Ohne das gedankliche Hochkochen wird das Akzeptieren des Schmerzes leichter und das Leiden nimmt ab.

Zazen sitzen bietet eine Übungsmöglichkeit den Unterschied zwischen Schmerz und Leid nicht nur gedanklich zu erfassen, sondern tatsächlich zu erfahren. Die Erfahrung kann gemacht werden, wenn der Schmerz nicht nur wahrgenommen, sondern tatsächlich bemerkt wird.

Wahrnehmen meint dabei impuls- und ausschnitthaftes „Sehen“ und Bemerken ein begleitendes und dadurch veränderungsbewusstwerdendes Sehen. Das begleitende Sehen wirkt dabei der Täuschung des manifesten Schmerzes entgegen. Erst wenn die Veränderung bemerkt wird, ist tatsächliches Mitfühlen möglich. Es geht also im Grunde genommen gar nicht darum, Leiden zu überwinden, wenn Leid Überwinden heißt, Schmerz nicht mehr zu fühlen. Vielmehr geht es darum, die Fähigkeit/Kompetenz zu erwerben, einem dem Leid zugrundeliegenden Schmerz zu erkennen und diesen mitzufühlen und mitfühlend zu akzeptieren.

Dieses Bemerken und die damit einhergehende „Mitgefühl-Fähigkeit/Kompetenz“ setzt eine Haltung voraus, welche philosophisch im Buddhismus verankert ist und im Bodhisattva Avalokiteshvara verkörpert ist. Avalokiteshvara steht für grenzenloses Mitgefühl oder auch grenzenlose Freundlichkeit. Diese Freundlichkeit – also das Gefühl davon grenzenlos für alle Wesen „FreundIn zu sein“ meint nicht schlichte Nettigkeit oder stumpfe Glückseligkeit im Miteinander, sondern die Unterstützung zur Befreiung von Leid. Das heißt, ein Akt der Freundlichkeit kann auch im Kostüm harter Worte erscheinen, wenn die Intention die Befreiung von Leid ist. Das buddhistische Verständnis von Freundlichkeit überwindet außerdem die Theorie des rein altruistischen Akts. Wenn du dich als Teil der Welt verstehst, verbunden und wechselseitig un- und abhänig, dann geht es der ganzen Welt besser, wenn es dir besser geht. Deshalb ist Freundlichkeit gegenüber dem Anderen auch nicht wertvoller als Freundlichkeit gegenüber dir selbst.

Grenzenlose Freundlichkeit

Wenn wir das Wohltun und die Freundlichkeit kultivieren wollen, dann gehört die Neutralität in der Bewertung der eigenen Gedanken dazu. Das neutrale Bemerken der Denkmuster und das Zurückkommen zu dem Atem und der Wirbelsäule ist die Dynamik die unsere stille Praxis prägt und mit der Offenheit geübt wird. Denn die Verortung des Selbst im Körper schafft Offenheit im Geist. Sich körperlich zu verorten, um seine Erfahrung von Selbst als Identität zu erweitern, heißt seine biografische Zeit um eine Seins-Zeit zu erweitern. Beziehungsweise sich der Seins-Zeit zu öffnen. Denn durch das Identifizieren mit dem Atem oder der Wirbelsäule wird, wenn auch nur für diesen Moment ein Raum geschaffen, welcher frei von Ideen über Identität ist – dies kann als Leerheit erfahren werden. Es können aus der Leerheit heraus Betrachtungen offener vorgenommen werden, wodurch eine Bereitschaft zur Freundlichkeit entsteht – die mitfühlen mit allen Dingen ermöglicht. Hierbei wird ein besonderer Fokus auf die Aktivität des stillen Sitzens gelegt, da die Erfahrung (und nicht das Hin-Denken!) das Erleben der Leerheit ermöglicht. Die Seins-Zeit oder das Jetzt-Sein ist aktives Bemerken der Aktivität und setzt eben die Aktivität des stillen Sitzens voraus. Es ist nämlich so, dass das Denken nicht via Denken bekämpft werden kann. Im Zazen sitzen beschränkt sich unsere körperliche Aktivität auf die richtige Sitzposition und auf das Atmen. Der Absicht nach, folgt der Geist der körperlichen Stille mit einem ebenfalls „zur Ruhe kommen“. Aus der Leere heraus wollen wir die Welt sehen können, wie sie ist. Der Abstand von dem Unmittelbaren ermöglicht ein narrativfreies Betrachten. Die Intention die Stille und die Leere in sich einzuladen heißt allerdings nicht sich aus den Lebensprozessen auszuschließen. Ganz im Gegenteil – Die Erfahrung in der Stille ermöglicht uns einen Abstand zu gewinnen und mit dem Abstand die Möglichkeit freundliches Agieren als Handlungsoption zu bemerken. Die grenzenlose Freundlichkeit entspricht der Buddhanatur und ist in allen Wesen innewohnend.

In der Leerheitserfahrung kann selbst die Idee der Freiheit transformiert werden, sodass aus „frei von (Leiden)“ ein „frei zu“ werden kann und eben auch ein „frei zu Mit-Leiden“. Diese Freiheit macht wie eingangs beschrieben die neue Erlebensqualität von Leiden inhärent, wodurch ein Bedürfnis nach einem anderen Begriff entsteht. Denn dieses Leiden, Mitleiden oder Mitfühlen ist kein märtyrerhaftes Entertainment – sondern das universelle Gefühl der Verbundenheit. In der Befreiung von Leiden wird die Freiheit zum Mitfühlen von Schmerz möglich. Und wie umgehen mit dem Mitfühlen? Im Koan über Avalokiteshvara, die Person, die die Schreie der Welt hört, heißt es:

Ungan fragte Dogo: Was macht der große mitfühlende Bodhisattva, wenn er seine vielfältigen Hände und Augen benutzt? Und Dogo sagte: „Es ist wie ein Mann, der in der Nacht hinter sich greift, um sein Kissen zu suchen".

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