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Jüngste Veränderungen und mögliche Entwicklungen im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald

von
Alexandra Lyamina und Michaela Schultz

Vorbemerkung: Alle HausbewohnerInnen und Langzeitgäste werden in diesem Artikel mit ihrem Rufnamen benannt – da es mehr um sie als Menschen und weniger um ihre Funktion im Kloster geht.

Life will never be the same again. Is life anyway anytime the same?

Transformation liegt in der Natur aller Dinge. Die Corona-Krise machte dies auf eine ganz besondere Art uns im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald deutlich. Die Virusausbreitung zwang zur Absage aller Frühlingsveranstaltungen. Damit der Austausch mit der Sangha erhalten bleibt, entscheiden wir uns für die Übertragung von Online-Vorträgen der Sangha-Lehrenden. Der Dojo wird in ein Tele-Studio umgebaut, eins von den Zimmern wird zum Brainstorming-Raum mit bunten Stickern auf allen vier Wänden umgestaltet. Wir sind bereit live zu gehen! Das Webinar-Projekt ist aber nur ein Teil von einer ganzen Reihe von Neuigkeiten, die die Hausgemeinschaft seit Mitte März mitträgt: zwei Baustellen in zwei Häusern, strenge Hygienemaßnahmen, Sparmodus in der Küche und auf den Baustellen und die Praxis, die durch alle diese Faktoren auch etwas anders wird.

Wir waren im Gespräch mit den HausbewohnerInnen Ulli und Dieter zur aktuellen Situation, jüngsten Veränderungen und möglichen Entwicklungen im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald.

Erste Gedanken über Corona

Bei den Gedanken über mögliche Auswirkungen von „Schließung“ des Zen Buddhistischen Zentrums Schwarzwald stellte sich die Frage „Wie bezahlen wir das?“ Aber es geht nicht nur um finanzielle Ausfälle, wie Ulli bemerkt:
„Das Entfallen von Seminaren hat nicht alleine gravierende Folgen für unser Budget oder für den Tagesablauf. Die Gäste stützen uns sehr in der Praxis. Die Begegnungen sind immer wechselseitig. So entstehen Inspirationen und Freundschaften.“

Was wird also mit den FreundInnen und mit der Stimmung im Haus allgemein? Es kamen Sorgen um finanzielle Probleme, auch entstanden Unsicherheiten überWie machen wir das ohne Nicole?“. Das Team, bestehend aus Beate, Ulrich, Silvia und Dieter hatte die Aufgaben von Nicole übernommen.
Im ersten Augenblick waren auch noch nicht die Onlineoptionen geistig präsent.

Gespaltene Gefühle über Bildschirmkommunikation

Der positive Aspekt des Eingehens auf emotionale Bedürfnisse der Sangha bringt Freude über die digitale Lösung. Gleichzeitig gibt es Gedanken über die gesamtgesellschaftliche, teilweise problematische Entwicklung des allgegenwärtigen Bildschirmmedienkonsums: Kommt es zu einem atmosphärischen Qualitätsverlust durch Bildschirm und Nichtpräsenz, unter anderem bei Vorträgen mit „Zen-Qualität“? Dieter:
„Im direkten Kontakt kommt da so eine atmosphärische Wahrnehmung auf einer Ebene, die man noch nicht bewusstseinsmäßig fassen kann, aber man merkt, dass irgendetwas übergesprungen ist. Und ich weiß nicht, wie so etwas auf dem Bildschirm funktioniert.“

Und jetzt?

Zum aktuellen Status lässt sich sagen, dass wir mitten in einem Experiment sind.
Gibt es eine Vision?
Momentan können noch keine richtigen Prognosen entwickelt werden, Dieter: „Es ist ja auch im Moment ein bisschen zu viel los. Das kommt wahrscheinlich dann, wenn es irgendwann mal mehr Leerzeiten gibt, sich über sowas Gedanken zu machen, aber im Moment ist es so ein ‘von Tag zu Tag‘.“

Experiment? Heißt das, dass das Online-Projekt auch abgebrochen werden kann?

Dieter: „Nein, so nicht. Ich glaube nicht, dass es abgebrochen wird. Ich glaube eher, dass es dazu führt, dass es auch Leute anzieht, mit denen das Zen Buddhistische Zentrum Schwarzwald hauptsächlich online zu tun haben wird, die nicht den Schritt hierher machen, sondern weiter Kontakt über Entfernung und über Bildschirm regeln. Und dahin geht auch meine Befürchtung, weil diese Leute gar nicht merken werden, worin der Unterschied liegt. Also man kann den Unterschied nur dann sehen, wenn man vorher den Vergleich hat. Und dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass es noch eine andere Dimension gibt. Also vorher wirklich zusammen in einem Zendo gesessen haben und dann rüber gehen zu einem Vortrag. Auch dass es Unterschiede gibt, zwischen Seminaren und Teishos usw.“
Eine positive Entwicklung sieht er jedoch darin, dass die Online-Angebote wahrscheinlich neue BesucherInnen „anlocken“.

Neue Projektleitung des Online-Angebots: Dieter

Zu den Aufgaben innerhalb des Online-Projekts – wie bspw. die Entwicklung eines Curriculums, also auch der zeitlichen Planung von Vorträgen – kommen weitere Aufgaben hinzu. Es braucht nach der recht zentral organsierten Projektleitung von Ulrich einen Nachfolger. Als Nicoles Stellvertreter übernimmt Dieter auf Ulrichs Empfehlung diese für ihn völlig neue Aufgabe und freut sich auch über eine dadurch entstehende neue Lerngelegenheit.

Was braucht es für die Leitung dieses besonderen Projekts? All die Fähigkeiten, die Ulrich einbrachte: Einen Überblick, das Gespür für die Notwendigkeit, den Blick aufs Detail oder auf die Meta-Ebene zu richten, Leute einzubinden, ohne zu diktieren – also die Schaffung eines Mittelwegs zwischen Einladung und Leitung.

Weitere Veränderungen seit Corona – Neues im Alltag

Ulli: „Rund um die Küche: Dadurch, dass wir jetzt keine Gastveranstaltungen haben, hat sich der gesamte Arbeitsaufwand sehr stark verändert. Wir essen seit vier Wochen kein Oryoki mehr, sondern machen ein japanisches Drei-Schalen-Frühstück. Das Mittagessen bleibt eigentlich wie gewohnt für die 15 Personen in der Hausgruppe. Unser Lebensmittellieferant “Mutter” hat jetzt seine Planung geändert, sodass wir die frischen Produkte nur einmal in der Woche geliefert bekommen und nicht zwei wie sonst immer. Also planen wir jetzt in längeren Etappen. Hoffentlich ändert es sich, wenn der Seminarbetrieb wieder anfängt. Die Sparmaßnahmen sind jetzt für das gesamte Kloster angesagt, also auch für die Küche. Wir fahren jetzt den Konsum von einigen Produkten runter, vor allem von Käse. Wir kennen das schon, dass er in stressigen Zeiten blitzschnell verschwindet, also wollen wir jetzt den Käse-Verzehr rationieren. Unsere Leitlinie bleibt regional und saisonal. Also das nächste Highlight wird Spargel. Da warten wir noch ab, bis unsere Spargel-Connection in der Nachbarschaft das grüne Licht gibt.“

Soji für alle, Dieter: „Seit langem mal wieder ist für alle Soji, tägliches Desinfektions-Soji. Früher war das mal so, dass das Soji einfach eine Zeit war, in der jede/r Hausreinigung macht, egal wo er/sie steht, es sei denn es gab wirklich spezielle Momente. Und dann kam so langsam auf, erstmal die Direktorin, dann einzelne Jobs im Büro, dann war es auch einmal eine Zeit der/die Tenzo, die gesagt haben „Ich brauche die Zeit für etwas anderes“ und sie haben sich dann so nach und nach rausgenommen. Dann gab es ein Ungleichgewicht, bis sich Leute irgendwann wirklich beschwert haben und das als Zweiklassengesellschaft empfunden haben, die die Soji machen und die, die es nicht tun. Jetzt ist klar, dass jede/r es macht und dass keine/r ausgenommen ist.“

FreundInnen außerhalb des Johanneshofs können nicht mehr einfach besucht werden.
Es besteht Gewissheit darüber, dass alle Veränderungen die nächsten Monate betreffen, voraussichtlich bis Ende Juni. Dieteres ist sehr klar, dass das meine nächsten Monate hier sind und da gibt es nicht viel Abwechslung. Das verändert auch schon die Atmosphäre und natürlich eben auch die Positionierung, in diesem Feld von Corona.“ So gibt es unterschiedliche Meinungen über Corona im Spektrum von: „Es ist sehr gefährlich und traurig“ und „Habt euch mal nicht so“
Dieter: „Und es ist nicht so einfach, das alles auf einen Nenner zu bringen, in dem alle sagen. Hey, ja damit bin ich einverstanden. Das trage ich voll mit, das verstehe ich.“

Aktuelle Stimmung

Einen waschechten Lagerkoller gibt es nicht. Dennoch: zwischen Entstehungseuphorie von Webinaren, gleichzeitiger Sorge um Corona-Krise und möglichen Digitalisierungskonsequenzen, Armbruch von Ottmar, Baulärm, Freude beim digitalen Wiedersehen - bringt die Dichte der Ereignisse durchaus Reibungspunkte mit sich. Die Ursache für die Reibungspunkte ist: Es gibt (zu?) viel zu tun, dadurch werden alle etwas dünnhäutiger.

Zurzeit gibt es zudem einen Verzicht auf einiges an Freizeit, Nachgehen von geistigen Interessen – Bücher lesen, sich in Themen vertiefen. Das vordergründige Thema ist: „Den Platz am Laufen halten“, aktuell hat der Johanneshof Priorität.
Und trotz dieser Priorität geraten aktuell klösterliche Tagesstrukturen in den Hintergrund.

Wichtige Dinge ohne Raum

Ulli: „Das Oryoki-Frühstuckist natürlich was Besonderes und eine wichtige Säule für die Praxis. Das Traditionelle setzt viel mehr Schweigen voraus, aber auch das Ritual mit den Tüchern und die längeren Rezitationen. Das erleichtert eine ganz eigene innere Stille und auch die Begegnung. Wenn wir zu viert sitzen und ich serviere dir und du servierst mir – das ist eine wertvolle Interaktion. Ich finde es ganz kostbar mich selbst dabei zu spüren und das Gegenüber. Wie sich die wechselseitige Verbundenheit von Mahlzeit zu Mahlzeit immer wieder ändert.

Seit vier Wochen essen wir kein Oryoki mehr. So eine lange Pause kannte ich noch nicht, das ist ein Novum. Diese Entscheidung hängt mit der Desinfektion zusammen, sodass wir ausreichend Zeit morgens für Soji haben. Wir stehen jetzt auch ein Stückchen später auf – 5:30. Das wird aber gebraucht in dieser sehr aktiven Umstellungsphase, dann braucht auch das Bedürfnis nach Ruhe mehr Raum.

Zurzeit essen wir zum Frühstuck immer noch das Drei-Schalen-Menü – Brei, Suppe, und etwas Geschmackintensiveres. Jede/r nimmt sich selbst und dann wird geklackert. Wir essen dann auch im Schweigen. Immer noch fällt es schwer die körperliche Haltung, die geistige Ausrichtung auf Achtsamkeit und das Feld von Gewahrsein aufrecht zu erhalten, wenn das Setting uns nicht so entgegenkommt.
Es kann aber gut sein, dass wir in den kommenden ein – zwei Wochen zu Oryoki zurückkommen. Darauf freue ich mich schon.“

Veränderung des Zazens, Dieter: „Jetzt ist es gerade eher so, dass die Arbeit bis kurz vor Zazen geht, weil wir einfach so viel zu tun haben und dann geht man ins Zazen rein und dann ist das Zazen anders, als wenn man vorher noch einmal irgendwo einen Spaziergang gemacht hat oder losgelassen hat auf irgendeine Art, oder Yoga gemacht oder in ein Buch geschaut oder mit irgendwem sich über etwas unterhalten.“

Die Schnelllebigkeit kommt schleichend. Beim Sitzen müssen sich die aufgewühlten Gedanken erst einmal setzen,Dieter sagt weiter:„Am Anfang stürzt man sich so darauf mit „Dann erledige ich noch das und das“ und dann so nach zwei Wochen kommt doch mal so das „Jetzt würde ich gerne mal durchatmen, und auch das Gefühl haben, in was anzukommen, in einem Prozess oder an einem Muster zu arbeiten. Klar, kann man das auch innerhalb, aber es ist schon schwer, wenn alles wackelt, den Boden zu finden, von dem man das betrachten kann.“

Ulli: „Der Zendo ist ja im Moment recht leer. Manchmal komme ich selbst nicht, manchmal kommen Andere nicht, der Zendo ist also nicht so gut besetzt. Wir haben uns ja dafür entschieden den Abstand auch beim Sitzen einzuhalten. Es ist dann manchmal im Zazen so, wenn ich in die Stille komme und in den Atem und wirklich, wirklich da sitze, dann habe ich ein Gefühl, dass wir alle miteinander verbunden sind. Heute hatte ich auch dieses Gefühl, erstmal hatte ich noch keine Worte und dann tauchtet “IHR” auf, ihr vielen, ihr sitzt da auch irgendwo und vielleicht gerade gleichzeitig oder eine Stunde später, da waren Viele da. Da war diese Energie, die ich kenne, wenn es im Zendo brummt. Dann war ich in der Kraft der Praxis und da war eigentlich alles gut.“

Die schönen Momente in der Beziehung mit den Anderen

Es sind also die Beziehungen, die aktuell besonders guttun. Wir haben Dieter nach einem Kompliment aus jüngster Vergangenheit gefragt, er sagte etwas, von dem wir glauben, dass es alle LeserInnen betrifft: „Als Mensch gesehen werden tut gut“.

Und er sagte, dass er durch ein Kompliment eine Qualität an sich entdeckt hat. Er erlebte Erleichterung, dadurch dass Ulrich das Online-Thema übernahm, Silvia die Finanzen, Beate die Teilnehmenden-Kontakte, Sascha[1]und Christiane die Technik, aber fragte sich –

irgendwann stand ich da mit einem etwas schlechten Gewissen ‚was mach ich hier eigentlich?’ Und dann hat jemand gesagt „Ja, du machst das ganz toll!“ Was eigentlich? Ja, du gibst irgendwie so Kraft. Und dann habe ich mir überlegt, was damit gemeint sein könnte, das kam dann ein bißchen als Kompliment rüber – in meinen Worten wäre es gewesen „Was ich versucht habe zu machen, ist einfach Raum aufzumachen, für die Leute und niemanden da irgendwie abzuurteilen. Oder im Vorhinein einen Standpunkt zu haben. Sondern einfach zu sehen, woher reden die Leute und was liegt jetzt an. …das kann ich inzwischen mehr als Qualität sehen, als vor dem Kompliment. Vorher habe ich es als eine Art Schwäche gesehen, das Nicht-Initiative und das Nicht-Organisieren oder so und jetzt kann ich es mehr als Qualität – Raum zu geben – sehen.“

An dieser Stelle ein Kompliment an alle HausbewohnerInnen und Langzeitgäste, die uns (die Autorinnen) trotz der ganzen Arbeit so viel Liebe und Freundlichkeit entgegenbringen, die Begeisterung zu manchen Dingen so schön halten und dadurch inspirieren, und trotz Mehraufwand immer eine vegane Alternative mitkochen UND backen! Und, und, und. Deshalb: Es ist sehr schön hier!

(Diesen Artikel schrieben Michaela und Sascha, die schon vor der Corona Krise als Gäste zum Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald gekommen sind und in dieser Zeit die Hausgemeinschaft tatkräftig unterstützen.)


[1]Sascha und Christiane sind vor Beginn der Coronakrise als ungeplante Langzeitgäste gekommen und ermöglichen zur Zeit gemeinsam mit Ulrich die technischen Voraussetzungen für das Webinar.

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