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Leben im JoHo, Corona und Umgang mit Veränderung

von
Dorothea

Liebe Sangha,

vor ein paar Tagen sind Frieder und ich für eine ungewisse Zeit aus dem JoHo ausgezogen. Wie es dazu kam und was das für uns bedeutet, möchte ich euch hier mitteilen:

Jetzt im Herbst sind es genau 4 Jahre, dass wir im JoHo leben. Viele Jahre vorher hatte ich bereits mit dem Gedanken gespielt, ein monastisches Leben zu führen. Seit dem Bestehen des Johanneshofs kam ich regelmäßig zum Praktizieren. Ich spürte eine Tiefe und Authentizität, die ich in meinem Alltagsleben, das schön und angenehm war, so nicht spürte. Mein Alltagsleben erschien mir manchmal oberflächlich und es frustrierte mich, dass ich die meiste Zeit mit Dingen beschäftigt war, die mich in mentale Aktivitäten zogen und mich nicht wirklich berührten. Es fehlte mir der Kontakt zum Lehrer und zur Sangha, und ich fühlte mich in meiner Praxis oft alleine. So entstand schon früh der Wunsch, im Kloster zu leben und mich gemeinsam mit anderen ganz der Praxis zu widmen. Aber irgendetwas hielt mich davon ab, diesen Schritt zu tun.

Für eine begrenzte Zeit hatte ich dann doch den Mut. So nahm ich 2011 ein Sabbatjahr, das ich ganz der Praxis widmen wollte. Ich verbrachte in dem Jahr viel Zeit im JoHo und machte die Praxisperiode im Crestone Mountain Zen Center mit. Die Zeit in Crestone ist bis heute in meinem Herzen. Kein Ort hat sich so tief in mich eingegraben, wie das sonnige Crestone mit dem herrlichen Bergpanorama, dem weiten Blick ins Tal und dem japanischen Zendo auf dem Campus. Dieses Jahr machte so viel Eindruck auf mich, dass ich wusste, ich würde es noch einmal möglich machen. Es war mir auch klar, dass ein Jahr nicht genügen würde. Ich war bereit zu einer Lebensveränderung. Nur, wie sollte ich das machen? Ich lebte ja nicht alleine. Frieder hatte andere Pläne.

Dann kam Frieders Unfall.

Der Unfall machte Frieders Pläne mit einem Male zunichte. Er musste seine geliebten Bindungen mit einem Schlag aufgeben: seine Chöre, seine Arbeit, seine Selbständigkeit. Nachdem wir die erste schwierige Zeit zusammen gemeistert hatten, war Frieder bereit mit mir für ein Jahr in den JoHo zu gehen, mein zweites Sabbatjahr. Wir wollten sehen, wie wir gemeinsam dort leben konnten. Es war eine Probezeit. Doch die Probezeit war schnell vorbei und so verlängerten wir unseren Aufenthalt um ein weiteres Jahr und dann noch einmal um ein halbes Jahr. Frieder lebte sich immer mehr ein und fand Freude am Zusammensein mit der Sangha. Es war überhaupt erstaunlich, wie gut er mit seiner Erblindung umging, wie er sie annahm und das Beste daraus machte. Es war ihm wichtig, sich bei der Arbeit einzubringen. Er spülte Geschirr in der Küche, schnippelte Gemüse, deckte die Tische und faltete Handtücher nach unserer JoHo Methode zusammen. Seine Arbeit war eine große und bald unentbehrliche Hilfe. Er war ein Vorbild für uns alle, wie man mit einem solchen Schicksal akzeptierend umgeht. Wir verlängerten erneut unseren Aufenthalt und entschieden gemeinsam, dass wir künftig unseren Lebensmittelpunkt ins Kloster verlegen wollten. Für Frieder war die Bedingung zu diesem Schritt, dass wir unsere Mannheimer Mietwohnung beibehalten würden, sodass er seine Kontakte zu Freunden und Familie weiter pflegen konnte. Ich habe mich ins Schulamt Waldshut versetzen lassen. Die Versetzung war ein ziemlich endgültiger Schritt, denn eine Rückversetzung ist nicht so leicht möglich. Für mich war klar, dass ich den Rest meines Lebens an einem Praxisort, der in meiner Lehrlinie der Johanneshof oder Crestone ist, zusammen mit einer Sangha leben und praktizieren wollte. An diesen Ort kommen immer wieder neue und bekannte Menschen und für diese Menschen wollte ich da sein.

Bald nach unserem Einzug in den JoHo bemerkte ich, dass das Gefühl des Getrenntseins vom Lehrer, der Sangha und dem Dharma verschwunden war. Ich fühlte mich, wie es in einem Koan heißt: „Dem immer nahe“. Und das ganz gleich, was ich tat. Das machte mich froh. Wenn wir von Ferien zurück in den JoHo kamen, überkam mich beim Eintreten in das Gebäude stets eine grundlose Freude. Ich bin mir sicher, es hat mit dem Gefühl „dem immer nahe sein“ zu tun. Es interessierte mich auch, wie  sich Laienleben und Klosterleben miteinander verbinden lassen, ob und wieweit dies überhaupt möglich ist. Und so begann ich nach zweieinhalb Jahren Vollzeit-Klosterleben wieder an einer Schule zu unterrichten. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, tauchte ich ins Klosterleben ein. Wir kauften uns in Herrischried eine kleine Wohnung. Dorthin wollten wir uns an freien Tagen zurückziehen, um ab und an ein bisschen Privatsphäre für uns als Paar zu haben.

Dann kam Corona.

Corona hat unser aller Leben verändert. Zuerst dachten wir noch, es wird hoffentlich bald vorbeigehen. Doch allmählich dämmerte immer mehr die Erkenntnis: Es gibt kein Zurück ins alte Leben, so wie es war. Im Johanneshof schlossen wir den Gästebetrieb. Wir fragten uns, wie wir uns verantwortungsbewusst verhalten sollten, um uns und die anderen Hausbewohner zu schützen. Können wir unsere Familie besuchen und uns dann wieder unter die Haus-Sangha mischen? Wie ist es mit dem Einkaufen gehen.... Wir diskutierten, probierten aus, verwarfen und formulierten neue Regeln. Die Schule war für lange Zeit geschlossen und so war ich aus dieser Gefahrenzone raus. Als sie wieder öffnete, für die letzten 6 Wochen vor den Ferien, gingen die Ansteckungszahlen zurück und wir gingen etwas sorgloser mit den Regeln um.

Dann beschlossen wir nach Rücksprache mit den offiziellen Stellen wieder für einen eingeschränkten Gästebetrieb zu öffnen. Unter welchen Bedingungen können wir das tun? Wie schützen wir unsere Gäste und geben ihnen Sicherheit? Immer wieder traten Widersprüche zutage und wir mussten unsere Regeln neu anpassen. So haben wir jetzt zum Beispiel ein festes Küchenteam und nicht jeder kann mehr in die Küche gehen. Mein tägliches in die Schule gehen und dort mit vielen Menschen zusammenkommen hatten wir anfangs noch in Kauf genommen. Doch mit Aufnahme des Gästebetriebes erschien uns dies als großes Risiko. Das bedeutete für Frieder, dass er nicht mehr in der Küche mitarbeiten konnte. Er lernte Oryoki zu bügeln und kümmerte sich verstärkt um die Wäsche. Doch dann kam die Frage auf, ob nicht auch der Kontakt zur Wäsche zu risikoreich sei.

In dieser Zeit unserer Diskussionen über Corona-Regeln und Gästebetrieb machte Roshi in einer unserer Videokonferenzen ein Statement, das uns unserer Verantwortung und Rolle als Kloster, als Modell in der Gesellschaft aufrüttelte. Er sprach von „zero risk“ und berichtete, dass Marie-Luise, die ja die Schule in Crestone leitet, alleine im Haus lebt, um ihn und die anderen im Kloster zu schützen.

Natürlich ist die Situation in Amerika eine andere als bei uns. Im Raum Waldshut gibt es seit langem kaum Neuansteckungen. Dennoch war mir in dem Moment klar, dass wir so nicht weiter im Kloster leben konnten. Vom Verstand her wusste ich, dass wir ausziehen mussten, auch mein Gefühl hatte den tiefen Wunsch, die anderen zu schützen, doch tief in mir war etwas noch nicht bereit, ja zu sagen. Es war mein Lebensentwurf im Kloster zu leben, mit anderen zusammen zu praktizieren. Auszuziehen erschien mir wie ein Aufgeben dieses Entwurfes. Würde ich mich dann wieder alleine mit meiner Praxis fühlen? Würde ich das Gefühl „Ich bin dem immer nahe“ wieder verlieren? Habe ich genügend Disziplin, meine Sitzpraxis intensiv fortzuführen? Auch Frieder machte der Gedanke an Auszug traurig. Er kannte in der Umgebung nur Leute aus der Sangha und mit denen sollten wir in Zukunft ja keinen Kontakt mehr haben.

Wir sprachen mit Nicole und der Haus-Sangha darüber.

Können wir weiterhin im Haus leben und den Kontakt minimieren? Welche Arbeiten können wir noch tun? Wenn wir ausziehen, für wie lange? Wird Corona irgendwann zu Ende sein? Müssen wir unser Zimmer räumen? Können wir noch zum Sitzen kommen?

Niemand drängelte uns, niemand schrieb uns vor, wie wir uns zu verhalten hatten. Aber es war klar, dass ein Verbleiben im JoHo keinen Sinn machte, wenn wir in Quarantäne leben müssten. Das Zimmer zu räumen, war nicht so einfach für mich. Ich hatte das Gefühl, solange noch persönliche Sachen von uns im JoHo sind, haben wir einen Grund zurückzukommen. Aber kaum ausgesprochen, konnte ich mich davon lösen. Blieb nur noch die Frage nach dem Sitzen, natürlich in der Buddha Dharma Halle aufgrund des Abstands. Doch in der bevorstehenden Winterzeit kann man nicht immer die Fenster offen stehen lassen. So ließen wir, und das ist bis jetzt der schmerzlichste Punkt, auch davon ab, eben um jegliches Risiko zu vermeiden. Einen Tag später packten wir unsere Kisten und schleppten sie nach Herrischried. Ich fühlte mich dabei frei und unbeschwert. Es war ein gemeinsamer Entscheidungsprozess zusammen mit der Haus-Sangha  und wir konnten uns für diesen Prozess Zeit lassen, bis wir innerlich die Bereitschaft fühlten, diese Schritte zu tun.

Nun bin ich wieder ins Laienleben zurückgekehrt. Die Umstände sind ganz andere, als in der Zeit vor unserem Einzug: Unsere Wohnung ist fünf Autominuten vom Johanneshof entfernt. Es gibt die sonntäglichen Vorträge von Roshi. Der Austausch mit der Sangha erreicht uns durch die Webinare in unserem Wohnzimmer. Die vier Jahre, in denen wir im Johanneshof lebten, verbinden uns mit der Sangha.

Es ist in Ordnung, so wie es ist. Es liegt an uns, wie wir den Moment gestalten, von Moment zu Moment.

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