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Studienprogramm trifft Studienpraxismonat

von
Dieter Plempe

Seit 2019 finden im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald, dem Genrin-Ji, Studienwochen statt. Dieses Jahr sind sie verknüpft mit einer Vortragsreihe, die das Ziel hat einen Einblick in die Entwicklung der buddhistischen Lehren zu geben und so zu einem tieferen Verständnis unserer Lehrlinie beizutragen, so dass wir besser nachvollziehen können, warum und wie wir bestimmte Dinge tun und andere lassen.

Studium und Zen-Lehren standen von Anbeginn in einem Spannungsverhältnis. Dem ersten Patriarchen, der chinesischen Chan (jap.: Zen-) Schule, Bodhidharma, werden Worte in den Mund gelegt, die lange das Selbstverständnis der Schule prägten:

„(Zen ist) eine besondere Überlieferung außerhalb der Lehren,
(die) keine Schriften etabliert,
direkt auf den Geist des Menschen weist.
Sieht (man die) Natur (des Geistes), wird (man) Buddha.“

Gleichzeitig soll Bodhidharma seinem Nachfolger Huike das Lankavatara-Sutra mit den Worten übergeben haben: „Dies ist das rechte Sutra für dieses Land.“

Dogen, Gründer der japanischen Soto-Schule, sagte bei seiner Rückkehr aus China: „Ich komme mit leeren Händen.“ In diese Hände nahm er einen Pinsel und schrieb das Shobogenzo, ein umfangreiches Lehrwerk.

Dieses Spannungsfeld setzt sich aus vielfältigen Faktoren zusammen, die hier nicht ausgewogen dargestellt, sondern nur punktuell angedeutet werden können.

Die durch Praktiken angestrebten Verwirklichungen entziehen sich allen buddhistischen Schulen zufolge dem Zugriff konzeptgebundener Bewusstseinsmodi, wie auch der ungeschulten Sinneswahrnehmung.

Aus den Lehren von der Leerheit aller Erscheinungen von Eigennatur, von der Bedingtheit von erscheinen durch den Geist, von der allen fühlenden Wesen inhärenten Buddha-Natur, von dem allgegenwärtigen Schoß der Soheit, wurde von einigen Anhängern der sogenannten plötzlichen Lehre (Subitismus) abgeleitet, dass der Fokus auf den „eigenen“ Geist zu richten sei, ohne den Umweg über das Studium der komplexen Lehrgebäude zu nehmen. Intellektuelle Auseinandersetzung berge die Gefahr, bei einem konzeptuellen Verständnis stehen zu bleiben und so die eisernen weltlichen Fesseln gegen die goldenen Fesseln der Anhaftung an Lehrkonzepte, einzutauschen.

Direkter Zugang zu einem unverstellten Geist mag für das datenüberladene Mitglied der westlichen Informationsgesellschaft vielversprechend klingen.

Was dabei aus dem Blick gerät ist die Rolle des Vorverständnisses und der Einsichten im Prozess der Transformation. Zu Buddhas Zeit waren tiefe Versenkungszustände bereits bekannt. Seine revolutionäre Entdeckung war, dass es der Einsicht in die Vergänglichkeit aller Erscheinungen, auch der Versenkungszustände und in die Selbstlosigkeit bedarf, um Befreiung zu erlangen. Einsichten müssen verstanden, zueinander in Beziehung gesetzt, eingeübt, verinnerlicht und verkörpert werden, um eine restlose Verwandlung herbeizuführen. Sie sind notwendig, um Alternativen zu angelernten und teilweise unbewussten Ansichten aufzuzeigen, diese zu konfrontieren, zu hinterfragen und aufzulösen. Eine auch verstandesmäßige Auseinandersetzung mit den Lehren auszuschließen, birgt die Gefahr Ausrichtung und Führung der Transformationsprozesse zu begrenzen und kommt einem Verzicht auf den Erfahrungsschatz der buddhistischen Traditionen gleich. Gleichzeitig benötigen die Lehren einen Prozess der kulturellen Übersetzungsarbeit. Unsere Kultur prägt unser Denken und Fühlen maßgeblich. Die Befassung und Auseinandersetzung mit den Lehren, bietet somit auch den Raum, die eignen kulturellen Prägungen zu erkennen und in Bezug zur Praxis zu setzen.

Im alten China musste man mindestens 2 Sutren auswendig beherrschen, um ein Mönchszertifikat zu bekommen. Im modernen Japan besuchen die angehenden Zen-Priester zunächst eine ihre Lehrlinie angegliederte Universität, bevor sie in einen Trainingstempel eintreten.

Um unseren Mangel an Hintergrundwissen auszugleichen, haben wir uns entschlossen, eine Vortragsreihe zu initiieren, die von Buddhas Leben, über die Entwicklung des Abhidharma zum frühen Mahayana, zu Nagarjuna, zu Yogachara, zur Huayen-Schule, zur Tathagatagarbha-Lehre, zur Entwicklung der Koans, zu Dogen-Zen und schließlich zur Gründung der Dharma-Sangha führte und führen wird. Die Vorträge waren öffentlich und sind auch über unsere Website hier zugänglich.

Der Studienpraxismonat war der Erforschung der Paramitas gewidmet. Hierbei wurde das Kapitel über das Paramita der Großzügigkeit (Danaparamita) aus dem Buch „The Six Perfections“ von Dale S. Wright zugrunde gelegt.

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