Schildkröte Dharma Threaders
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Eine neue Perspektive: ZenImPulse, Dharma Threaders und eine Sangha-Chronik

von
Tatsudo Nicole Baden
Es gibt eine bekannte, uralte Geschichte im Buddhismus über eine einäugige Schildkröte die im Ozean schwimmt und nur alle 1000 Jahre einmal an die Oberfläche kommt. Suzuki Roshi hat uns diese Geschichte oft erzählt. Es heißt, die Gelegenheit, die Lehre zu hören und zu erfahren, ist so selten, wie die Wahrscheinlichkeit, dass diese einäugige Schildkröte, wenn sie auftaucht, durch ein Loch in einem vorbei schwimmenden Stück Treibholz die Weite des sternenklaren Himmels erblickt.
- aus einem Dharma Threaders Treffen mit Baker Roshi

Im dritten Teil dieser Serie erfährst Du mehr über "ZenImPulse" (unsere neue Lehr- und Lernplattform), über die "Dharma Threaders" (ein Studienprogramm, das von Baker Roshi geleitet und von Michaela Schulz koordiniert wird) und über eine Chronik der Dharma Sangha, geschrieben von Sascha Borrée.

Developing a Field of Connectivity

"The ancient concept of merit in Buddhism assumes connectivity, assumes a connectivity we sense but don't have the language for, so sometimes it's called merit. Chi and Qi. I think the online digital field we now share in our world which the pandemic has made so apparent can very clearly a field of merit if we find the intelligence to use it wisely." - aus Briefen von Zentatsu Richard Baker Roshi

Im Juli vergangenen Jahres besuchte Tyler Clark, ein ehemaliger Hausbewohner, das ZBZS. Tyler und ich kamen ins Gespräch. Tyler erzählte, wie sehr er die Praxis in den vergangenen Monaten vermisst hatte. Er sprach darüber, wie schwierig es für ihn sei, inmitten seines sehr geschäftigen Lebens - inzwischen als Vater von drei kleinen Kindern und Gründer eines Start-ups - im Fluss der Praxis zu bleiben. Außerdem sprachen wir über die Sorgen des ZBZS seit Beginn der Pandemie. Im Sommer 2020 wussten wir noch nicht genau, wie es weiter gehen könne. Unsere ersten Online-Kurse liefen zwar gut, aber die Situation war fragil.

Zum einen brauchten wir technische Unterstützung im Aufbau der Online-Angebote und zum anderen wurde schnell deutlich, dass die existierenden Angebote hauptsächlich für Menschen geeignet waren, die Baker Roshi oder andere Dharma-Lehrer*innen bereits aus früheren Seminaren kannten. Wir zogen offenbar nur wenige neue Interessierte an, während viele unserer langjährigen Sangha-Mitglieder nach einigen Monaten, verständlicherweise, eine Zoom-Müdigkeit zu ereilen schien. In anderen Worten, unser erster Schritt funktionierte gut! War aber leider noch nicht ausreichend, um eine aussichtsreiche Zukunftsperspektive zu etablieren.

Tyler ist Physiker und Unternehmer. Schon während seiner Zeit als Hausbewohner fiel mir auf, dass Probleme für ihn eine Art Quelle von noch-nicht-entdeckten Lösungen zu sein scheinen. So auch in diesem Fall. Wir begannen zu sehen, dass sein Problem vielleicht die Lösung für das unsrige sein könnte - und umgekehrt!

ZenImPulse - Eine multimediale Plattform für die Dharma Sangha

Tyler und ich begannen mit der Planung einer multimedialen, interaktive Online-Plattform für die Dharma Sangha: ZenImPulse. Der Staff und die anderen Dharma Sangha Lehrer waren sofort begeistert, obwohl ich dazu sagen muss, dass die Dimensionen dieses Projekts im Anfangsstadium noch nicht abzusehen waren. Die Fragen, mit denen wir uns seither beschäftigen, sind: Wie genau kann eine digitale Plattform die Praxis im Alltag unterstützen? Wie funktioniert "Lernen" im Zen? Und was macht die Praxis potenziell transformativ?

Das sind riesige Fragen, denn die "intelligente und weise Nutzung" dieses Mediums, wie Baker Roshi sagt (siehe Zitat oben), ist keine triviale Angelegenheit. Im Zen lernen wir nicht kognitiv, sondern inkubativ. Im Zen lernen wir keine Informationen, sondern wir lernen, uns selbst zu lehren. Im Zen im Alltag kann eine Inspiration, ein Aha-Moment, eine neue Sichtweise einen echten Unterschied machen. Diese Unterschiede können zu einem Weg werden und mit ZenImPulse versuchen wir diesen Weg zu öffnen und zu unterstützen.

Unser ZenImPulse-Projektteam besteht aus Tyler (Initiator und Ideen-Geber), Brian (Direktor des Crestone Mountain Zen Centers und Projektkoordinator von Zen-Impulse), Kataryna (Web-Designerin und Recherchearbeiten), Michaela (Koordinatorin der "Dharma Threaders" -s.u.), Baker Roshi und mir für die dharmische Leitung.

Tyler glaubt an dieses Projekt. Seine Vision und seine Unterstützung sind eine treibenden Kraft in der Entwicklung. Er spendete uns €40.000, um die erste Iteration  von ZenImPulse zu realisieren. In dieser ersten Version wird es die wichtigsten Funktionen bereits geben. Einige aufwendigere Funktionen werden in zukünftigen Entwicklungsschritten hinzukommen. In dem Video, das unten verlinkt ist, bekommst du neben einer Vorstellung des Studienprogramms "Dharma Threaders" auch einen Einblick in diese erste Version von ZenImPulse.

Studienprogramm unter der Leitung von Baker Roshi: "Dharma Threaders"

Ebenfalls im Juli 2020 fand Michaela Schultz ihren Weg zurück zum ZBZS. Michaela ist Bildungspädagogin und zeigte von Beginn an ein großes Interesse an der kreativen Aufarbeitung von Baker Roshis Lehren. Sie sprudelte vor Ideen! Damals verfasste sie noch zu den meisten ihrer Ideen eine Email an mich - während ich schon bald an der Aufgabe scheiterte, alle diese Emails zu lesen. Schließlich verabredeten wir uns zu einem Tee-Gespräch, das schien effizienter. Je weiter wir in das Gespräch hinein drifteten, desto klarer wurde mir, dass sie nicht nur eine Art Studienprogramm, sondern auch ein Lernkonzept für die Dharma Sangha erfunden hatte. Das passte hervorragend in unsere Entwicklungen hinein, denn im Gespräch mit Tyler war eine wesentliche Frage offen geblieben: Wie genau verwandeln wir den Kassetten-Turm in meinem Büro-Schrank (das "Archiv" von 40 Jahren Baker Roshi-Lehre) in zugängliches und studierbares Material? !?

Michaela war die Rettung. Und sie war mit ihrem Enthusiasmus, ihrer Kreativität, Klarheit und Kompetenz in meinen Augen absolut perfekt. Ich suchte sofort das Gespräch mit unserem ZBZS-Staff und wir beschlossen, Michaela eine bezahlte Projektleitungsstelle anzubieten. Das war die Geburt der "Dharma Threaders".

Der Name Dharma Threader kommt von Baker Roshi. Er war seine Reaktion auf Michaelas Ideen für eine Aufbereitung seiner Lehren "Ah, okay, I see. I think you need some Dharma Threaders", sagte er. "Dharma" bedeutet in diesem Kontext natürlich "Lehre". Und "Threaders" bezieht sich darauf, dass das Wort Sutra etymologisch von dem Begriff "suture" für Nähte abstammt, damit also implizit auch "threads", Fäden, gemeint sind.

Die Dharma Threader sind eine Gruppe von derzeit zirka 20 Sangha-Mitgliedern, die Baker Roshis Lehren der vergangenen 40 Jahre systematisch aufarbeiten. Sie werden dabei von Michaela Schultz und Pauline Schulze begleitet und unterstützt. Sie setzen sich gründlich mit den Inhaltender von ihnen gewählten Lehrveranstaltung auseinander. Sie transkribieren nach und nach alle Vorträge, auf deutsch und auf englisch. Sie verleihen den Lehreinheiten Titel und Zwischenüberschriften, fassen sie zusammen, arbeiten die wichtigsten Konzepte zu einem Glossar ("Viewcabulary", in Baker Roshis Worten) heraus und stellen die konkreten Übungsanleitungen jeder Lehreinheit gesondert zusammen. Das folgende Video ist ein Einblick und eine Einladung zur Mitarbeit bei den Dharma Threaders:

Das Dharma-Threader-Studienprogramm umfasst Zugang zu den Lehrmaterialien, regelmäßige Frage&Antwort-Treffen mit Baker Roshi und kostenfreie Studien-Workshops im ZBZS. Wir suchen weitere "Mitmacher*innen"! Die Mitarbeit ist kostenfrei und eine große Hilfe für die Entstehung von ZenImPulse. Bitte melde dich bei Michaela, wenn du Interesse hast: zentatsu-archiv@dharma-sangha.de

Nichts ist fix - Was bedeutet das für die Lehren der letzten Jahrzehnte?

Baker Roshi hat seit jeher darauf bestanden, dass die Lehre und die Praxis in einem Feld von "Begegnung und unmittelbarem Kontakt" stattfindet. Bis vor Kurzem verhielt er sich sogar ambivalent zu der Frage, ob seine Vorträge auf einer Tonspur aufgenommen werden dürfen! Und wenn sie aufgenommen wurden, wer durfte sie dann hören? Wenn es nach ihm gegangen wäre: Ausschließlich Personen, die sich während des Vortrags tatsächlich im Raum befanden. Roshis Lehre, die Zen-Lehre per se, findet in einem Feld unmittelbarer Begegnung, von Angesicht zu Angesicht, statt. Dass er - und wir - jetzt bereit sind, diese Lehren in einem digitalen Raum anzubieten, ist ein riesiger Schritt! Der wesentliche Grund für diese traditionelle Haltung im Zen ist die Sichtweise, dass alles, was geschieht, als Kontext geschieht. Nichts geschieht isoliert, im Vakuum, im kontextfreien Raum. Es gibt keine absolute Wahrheit. Nichts ist fix. Alles verändert sich, Veränderung verändert das Sich-verändern. Wer soll in dieser Weltsicht also ein Wort für die nächsten 100 Jahre sprechen? Wie übertragbar sind Roshis Lehren nun auf ein Medium, das den Kontext nicht mittransportiert? Und wie relevant sind sie für Personen, die im Moment der Lehrsituation schlichtweg nicht "gemeint" waren?

Der Sangha ein Gedächtnis geben

Wirklich lösen können wir diese Fragen nicht, aber auseinandersetzen möchten wir uns mit ihnen dennoch. Wir denken durchaus, dass die Lehren situativ übertragbar und relevant sind. Trotzdem ist der Kontext nicht unwichtig und wir möchten ihm im Rahmen der Möglichkeiten Tribut zollen. Sascha Borrée, ein der Sangha eng verbundener Journalist, arbeitet gerade an einer Chronik unserer Sangha. In wöchentlichen Interviews mit Baker Roshi und zahlreichen Gesprächen mit anderen Zeitzeugen zeichnet er die wichtigsten Weichenstellungen unserer Sangha-Geschichte nach. Dabei stößt er auf eine extrem lebendige, teils überraschende und erstaunlich vielschichtige Konstellation von Menschen, Aspekten, Faktoren und Umständen. Dank Sascha und einer Sponsorin, die bereit war, dieses Projekt mit €10.000 zu fördern, sind wir nun dabei, mit dieser Chronik ein Gedächtnis für die Dharma Sangha zu erschaffen. Wir planen, diese Chronik als Buch herauszugeben. Es wird nicht nur unsere Geschichte in vielschichtiger Weise nachvollziehen, sondern auch exemplarisch wichtige Augenblicke der Entwicklung des Buddhismus im Westen nachzeichnen.

 

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