Manche von euch spielen möglicherweise ab und zu mit dem Gedanken, zum ersten Mal oder mal wieder in den Johanneshof zu fahren. Und dann steht ihr vor der Situation, euch für eines der vielfältigen Angebote vor Ort zu entscheiden. Ich möchte diese Nachricht an euch nutzen, um eine persönliche Erfahrung aus einem meiner vergangenen Aufenthalte mit euch zu teilen – und euch dabei ein bestimmtes Format besonders ans Herz legen.
Es ist drei Jahre her, ich hatte gerade meine ersten Erfahrungen mit der Zen-Praxis gemacht, Nicole kennengelernt und war ein paar Mal im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald gewesen. Meine bisherige Erfahrung hat mir ein Gefühl dafür gegeben, wie sich Praxis anfühlen kann. Ich hatte erfahren, dass eine andere Art von Lebendigkeit oder Bewusstsein möglich ist – eine, die ich bislang nicht kannte. Und etwas in mir sagte: „Ich will mehr davon, ich will diesen Weg weiter gehen.“ Dann hörte ich davon, dass eine Praxisperiode – eine sogenannte Ango – stattfinden sollte. Und obwohl ich nicht genau wusste, wie so etwas abläuft und was dort stattfindet, wusste ich: Ich will das machen. Da war eine Gewissheit, dass ich darauf vertrauen konnte, dass diese klösterlichen Formen über Jahrhunderte hinweg entwickelt und erprobt worden waren und dass sie eine transformative Kraft für mich beinhalten würden.
Also fahren wir hin, damals ins Crestone Mountain Zen Center in Colorado. Die Praxisperiode dauert 90 Tage. Ich möchte euch erzählen, was für mich dort passiert, was das Besondere in der Struktur dieser Zeit ist und warum dieser Raum für uns als Praktizierende so wertvoll sein kann. Genaugenommen erhoffe ich mir davon, in meinem Alltag fern eines Zen-Zentrums hier in Wuppertal beim Schreiben meine Erinnerungen an diese Erfahrung wachzurufen. Weil es eine der kraftvollsten und bemerkenswertesten Erfahrungen meines Lebens wurde.
Wo fange ich an? Die Zeit verläuft in sogenannten Mönchswochen, die jeweils 5 Tage lang sind. Der Ablauf an den Tagen ist durch einen festen Zeitplan vorgegeben. Er ist intensiver als der Alltag zu normalen Gästezeiten im Zentrum, aber auch nicht so meditations-intensiv wie beispielsweise ein Sesshin. In so einem strengen Zeitplan zu leben, klingt monoton, es ist aber in Wirklichkeit das Gegenteil. Nicole sagte einmal: Wenn das, „was“ du tust, streng vorgegeben ist und du darin keine Wahlfreiheit hast, dann beginnst du anzufangen frei zu erkunden „wie“ du die Dinge tust, die du tust. Und in diesem „Wie“ deine Freiheit zu finden. Ich fange an aufmerksam dafür zu werden, wie ich Türklinken runter drücke, wann ich sie wieder loslasse, mit wie viel Druck und mit was für einem Geräusch ich die Türe wieder schließe. Wie genau setze ich meine Füße auf der Treppe auf? Wie fühlt sich die Kleidung auf meiner Haut an, wenn ich gehe. Wie ziehe ich meine Schuhe an? Mit welchen Bewegungen trockne ich mich ab nach dem Duschen. Wie lege ich meine Hände zusammen beim Verbeugen? Wie hören sich die Räume des Zentrums an, wenn sie leer sind? Drei Mal am Tag essen wir Oryoki, das Essen mit drei Schalen und es ist ein 90 tägiges Forschungsfeld, wie genau ich und wir als Gruppe immer wieder mit den Utensilien und Schalen hantieren, wie wir sie positionieren, wie sich unterschiedliche Abläufe anfühlen, in welchem Tempo gespült wird usw. Allein diesen Dingen im Erleben nachgehen zu können, ist total spannend und belebend.
Wir leben und praktizieren zusammen als eine Gruppe. Wir werden auf eine ganz subtile Art spürend vertraut miteinander. Wir bewegen uns durch den Zeitplan alle in einem lebendigen und zügigen Rhythmus. Alle sind mit einer starken Intention vor Ort, wodurch ein geteiltes Praxisfeld entsteht, das mich zu tragen scheint. Ich spüre die Gruppe und unsere jeweiligen Prozesse scheinen sich zu beeinflussen, ohne dass wir viel miteinander reden müssen. Und ich muss sagen, wir haben auch eine Menge Spaß miteinander. Ein geteiltes Feld bedeutet immer wieder auch eine geteilte Freude. Sei es das verkniffene Lachen über ein Missgeschickbeim Oryoki oder die Späßchen bei den kurzen inoffiziellen Brotmahlzeiten in der Küche. Dann wischen wir wieder die Oberflächen, verbeugen uns und tauchen mit dem Klang des Han zurück in die Stille ein. Alle tragen dazu bei, konzentriert die gemeinsame Praxis aufrechtzuerhalten.
Das frühe Aufstehen und der wenige Schlaf machen nach einiger Zeit mürbe. Aber auch das scheint gewollt. So sagte Nicole einmal: „Wenn du müde bist, ist auch dein Ego müde.“ Mein Verstand verliert an Kraft. Ich denke immer noch über Dinge nach, aber dieses Denken ist immer mehr in Verbindung und Austausch mit meinem direkten materiellen Erleben. Ich werde müde, aber dadurch auch poröser und offener. Wir sollen unsere Mobiltelefone nur an den Shikunichis – den freien Tagen – verwenden und außerdem auch keine anderen digitalen Medien konsumieren. Es findet ein Prozess statt gegenteilig dem „Abstumpfen“. Unsere Sinne nehmen immer mehr auf. Das Sehen wird schärfer, billianter, sogar mein Sichtfeld wirkt größer. Ich werde empfindsam für die subtilen Reize und Empfindungen meines Körpers sowie meiner Umgebung. Ich fühle mich berührt und erfüllt durch die Lichtstrahlen auf meiner Netzhaut und der Schallwellen auf meinem Trommelfell.
Ich komme in Kontakt mit mir selbst, wie es in meinem trubeligen Alltag nicht möglich ist. Situationen und Erlebnisse hinterlassen in dieser Zeit einen Nachhall, sodass ich sie eingehend studieren und erforschen kann und ich darf mich in Ruhe damit beschäftigen, wie sich mein Erleben zusammensetzt, wie ich mich verhalte und wie sich meine Intentionen verkörpern lassen. Impulse in diesen Prozess geben die sehr regelmäßigen Vorträge von Roshi oder Nicole, die Seminare, in denen wir uns über Praxisthemen austauschen sowie tägliche Studienzeiten.
Es gäbe natürlich noch eine Menge mehr zu erzählen, aber ich glaube ich konnte skizzieren, wie die gemeinsame Praxis in diesen Mönchswochen sich potenziell anfühlen kann. Es war eine der bemerkenswertesten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich habe mich grundlos klar, leicht und lebendig gefühlt und wenn ich die Möglichkeit habe, würde ich es sofort wiederholen.
Für Praktizierende mit etwas Erfahrung, sowie für die Hausbewohner der Zentren, sind dies neben den Sesshins die Formate, die ein tiefes Eintauchen in die Praxis ermöglichen. Idealerweise bleibt die Gruppe fest, es gibt kein Kommen und Gehen und keine unerfahrenen Anfänger, die ggf. noch mit den klösterlichen Formen hadern, damit ein wirkliches Praxisfeld entstehen kann.
Ich teile dies mit euch, weil das Entstehen eines solchen Praxis-Raums nicht selbstverständlich ist in unserer Zeit. Für eine 90-tägige Praxisperiode am ZBZS gäbe es aktuell nicht genügend Anmeldungen. Deswegen bieten wir bislang kürzere Varianten an – die „Praxiswochen“, die aber gleich aufgebaut sind und denselben Prinzipien folgen. Wir möchten allen Praktizierenden mit etwas Vorerfahrung ans Herz legen, über die Teilnahme an so einem Format nachzudenken. Neben den Sesshins und Zazenkais sind dies wirklich die Formate, die Deiner und unserer gemeinsamen Praxis eine wirklich transformative Kraft geben können und in denen mehr Tiefe und geteilte „Magie“ möglich ist. Und wenn unsere Sangha wächst, diese Praxis-Räume von uns mit immer mehr Leben gefüllt werden, könnten wir langfristig ggf. auch wieder längere Praxisperioden machen. Das wäre doch toll.
Wenn Du Dich für die Praxiswochen interessierst, schau doch mal hier.