Sasha Lyamina
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Mein erstes Jahr in der Dharma Sangha

von
Sascha Lyamina

Am 8. März 2020 war ich auf Berliner Straßen, inmitten einer Demonstration zum Frauentag. Umgeben von unzähligen Überzeugten, habe ich mein „Ja!“ zur Veränderung ausgerufen, für Gleichheit und Frühling, wie es auf russischen Postkarten aus meiner Kindheit stand. Ich wusste nicht, woher die Veränderung genau kommt, wer sie antreibt und wie alle damit zufrieden sein können. Die Mischung aus Fatigue von Fehlschritten und gleichzeitigem Handlungsdrang hat mich gefesselt. Also lief ich zur Siegessäule, habe die warme Luft eingeatmet und freute mich, dass ich bald schon ganz woanders sein würde. Am nächsten Tag ging meine Reise nach Basel und dann zum Johanneshof - in das Zen Buddhistische Studienzentrum im Schwarzwald. Zen war mir bekannt aus „Dharma Bums“ von Jack Kerouac: Ray Smith (Kerouac’s Alter Ego) und sein buddhistischer Freund Japhy Ryder (geschrieben von Garry Snyder) gehen wandern, reden über das Leben, San Francisco 1956 im Hintergrund. Ray war sehr sensibel, hat viel getrunken und war immer auf der Suche. Ryder hat er für sich als seinen Lehrer-Freund ausgewählt und wollte seine l’arte de vivre übernehmen - klar, präsent und unerschütterlich zu sein. Mit fünfzehn konnte ich mich in diesem Spannungsfeld ganz gut verorten, mit achtundzwanzig war das immer noch so. Aber nun sollte ich dem gelebten Zen begegnen. Ziemlich zeitgleich mit meinem Ankommen im ZBZS hat der erste Lockdown in Deutschland angefangen. Der Job im Jüdischen Museum Berlin musste pausieren, und aus nur einer geplanten Woche Aufenthalt, sind zwei Monate geworden. Heute ist wieder der 9. März, ich bin wieder im Kloster und sitze auf dem sonnigen Hinterhausbalkon und denke darüber nach, welche Erkenntnisse dieses Jahr geprägt haben. Diese möchte ich mit euch teilen. Die Beobachtungen entstehen zwischen meiner Wahrnehmung und der Aktivität des Ortes. Das bedeutet, dass das weitere Geschriebene keine Aussage über die Zen-Lehre ist, sondern eine Reihe von Blitz-Gedanken aus einer ganz jungen Praxis.

Entscheidungen können einmal ohne weitere Bedenken getroffen werden:
Die Morgenmeditation scheint fast undenkbar zu sein, wenn man frisch aus der Stadt ankommt und gewohnt ist, die Sonne aus dem Bett zu begrüßen. Aber das ist eine ganze entscheidende Verschiebung, die im ZBZS stattfindet – sich keine Mühe zu geben, die Sachen zu machen, wie du sie kennst, sondern auszuprobieren, wie dehnbar und plastisch dein Dasein sein kann. „Die Sonne steht auf, wenn die Sonne aufsteht - wir stehen auf, wenn wir aufstehen,“ - alle Schüler*innen von Baker Roshi kennen die allgegenwärtige Erklärung für „warum so früh?!“. Das Aufstehen um 4:30 Uhr ist eine Herausforderung, das kann aber aufhören, eine solche zu sein, wenn du das als eine Tatsache und nicht als eine Wahl verstehst. Du brauchst dich nicht jeden Morgen entscheiden, du hast dich schon einmal entschieden und bist jetzt frei.

Achtsamkeit schafft Kraft:
In der 40-Stunden Arbeitswoche ist man vielleicht knapp mehr als die Hälfte der Zeit wirklich dabei. Die Zen Praxis ist auf Achtsamkeit ausgerichtet - die Einstellung gewahr zu sein, nimmt man in der ersten Sitzperiode am Morgen an und wird mehrmals am Tag daran erinnert. Diese darunterliegende Spur der Aufmerksamkeit wird zu allen Aktivitäten hinzufügt und lässt nicht zu, dass Du in Müdigkeit oder Langeweile versinkst. Es ist nur wichtig aufzupassen, wenn du wach bist, wirklich wach zu sein.

Der gesamte Körper ist eine Erfahrungsfläche:
Die von dem Stundenplan vorgesehenen 1,5 Stunden Körperarbeit habe ich erst später angefangen, dem Körper zu widmen. Der Kaffee beim Sonnenaufgang ist immer noch manchmal die Alternative für mich, aber je öfter ich nach dem Sitzen Yoga gemacht habe, desto vertrauter wurden mir meine Muskeln, Haut und Glieder.  Anzunehmen, dass Erfahrungen nicht nur kognitiver Natur sind, sondern auch körperlicher, und zwar die des ganzen Körpers, bedeutet, die eigene Ganzheit und Komplexität zu begreifen. Atem, Wirbelsäule, die fünf Sinne - das Fühlen und Präzisieren von diesen Kenntnisquellen ist ein Experiment, das nie aufhört und immer neue Entdeckungen schenkt.

Gleichheit und Verbundenheit von allen:
Damit meine ich nicht das Mahayana Konzept, sondern das Spüren der Gemeinschaft, so, wie sie im ZBZS gelebt wird. Du bleibst mit Menschen länger zusammen, ihr lernt euch im Arbeiten kennen, sitzt zusammen beim Essen, bald kannst du sie am Gang durch den Zendo erkennen. Du erfährst, dass die Vorlieben keine entscheidenden Bausteine für Beziehungen sind, manchmal sind sie Steine im Weg. Aufmerksamkeit und Wohlgesinnt-Sein lässt aber jeden Menschen scheinen und manchmal kann ich mich nur wundern, wie viele Juwelen an einem Ort versammelt sind. Gleichheit als Idee landet bei der Politik, Gleichheit als Praxis erfährt man im Miteinander.

Geh alleine in den Wald:
Das Alleine-Sein in der Natur bedeutet, in einem Raum ohne Wertschätzung und Konditionen zu sein. Du kannst sehr langsam gehen, kannst spontan stoppen, die Luft riechen, Zweige und Erde berühren, dich als ein Wesen spüren. Die Wahrnehmung zwischen den sinnlichen Erfahrungen und dem Verstand zu platzieren, präsent, aber nicht involviert, nicht einordnend zu sein. Dich von der Natur durchdringen lassen, ihre Schönheit reflektieren. Diese Zeit muss man sich einräumen, um zu verinnerlichen, dass das immer da ist.

Lachen kann nur ausbrechen:
Einer der ersten Zen Witze, die ich im ZBZS gehört habe, kam von Keizan Plempe Sensei. Nach der Rezitationszeile „Mögen alle frei sein vom Anhaften an ein Selbst“ folgt „Und vor allem ich.“ Unzählige Anekdoten habe ich im Genrin Tempel gehört und auch veranstaltet (Oryoki!). Was ich dabei bemerkt habe, ist, dass wenn man meditiert, kann man auch ganz anders lachen. Das bricht immer aus wie eine Quelle, ist ganz leicht, und kommt von einem Ort, der die Täuschung der Erscheinungen wahrnimmt, und trotzdem liebevoll bleibt.

Nach diesem ersten Jahr in der Dharma Sangha, denke ich weiter an die Veränderung, und habe das Gefühl ihr näher zu sein. Sie kommt von nirgendwo, wird von allen ausgeführt, die Beziehung damit ist die Frage des Sehens, und durch die Zen Praxis kann man lernen, im Einklang mit ihr zu sein.

Sunday you were brown
Monday you were blue
Tuesday you were white
Today you are still there
Black Forest

Die Autorin:
Sascha Lyamina, in Moskau geboren, lebt seit 2013 in Berlin. Sie hat ihren Master in Anthropologie gemacht und arbeitet als freiberufliche Museums- und Kunstpädagogin. Zur Zeit entwickelt sie ein Projekt zur buddhistischen Kunst im ZBZS.

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