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Alles im fortwährenden Wandel – eine Momentaufnahme

von
Yuki Ulrike Waldeck

Heute Morgen, in aller Frühe gerade mal auf meinem Zafu physisch angekommen, in aufrechter Reihe mit meinen NachbarInnen, schob sich eine Erinnerung an meine allererste Praxisperiode 2008 in Crestone in den noch schläfrigen Geist. Damals erlebte ich mein Ankommen im CMZC so, als würde ich mich in ein Reagenzglas fließen lassen. Hinein in ein großes Laboratorium, in dem der Projektleiter und das Regime des Zeitplans immer wieder mal neue Essenzen und Katalysatoren hinzufügen würden und die Flamme des Bunsenbrenners mal hoch und mal runter gedreht würde. Diese anfängliche, offene Bereitschaft für dieses Unterfangen, heute in ihrer atmosphärischen Erinnerung auftauchend, hatte diese ermutigende Frische des wegsuchenden Geistes all deren, die sich auf ein Kissen brezeln und den Pioniergeist derer, die sich mit mir aufgereiht hatten.

Die Parallele zu heute – März 2021 – ist offensichtlich, denn erst gestern sagte mir ein Sangha-Freund, der unsere E-Mails genau verfolgt: „Ihr lebt jetzt in einem riesigen Experiment!“

Oh ja, wir sind mit der Pandemie in eine große Petrischale geworfen worden; in ihr schwimmen, rudern und treiben wir nun seit genau einem Jahr; und es ist an uns, die Ingredienzien, Lösungen und Essenzen hinzuzufügen, auszutauschen und gelegentlich zu verwerfen. Und wenn ich mein Leben gelegentlich auch gerne mal als ein vertrautes Kontinuum verstehen würde, so kann ich diesen lauten Gongschlag des ersten Lockdowns im März 2020 immer noch deutlich vernehmen. In Worte gewandelt bedeutet dieser laut vernehmliche Klang:

Tritt ein in den Geist ohne Vorher und Nachher.
- Yuanwu

Dieser Satz als eine rezepthafte Aussage genommen, lässt mich entdecken, dass es diesen Geist gibt, dass er sich immer wieder entdecken lässt, und dass er sich in diese Richtung entfalten lässt. So kann sich die Gewohnheit bilden, die Kraft des Schnappmechanismus hinein in die Vergangenheit und Zukunft zu lockern. Allein durch das körperliche Bemerken und Erleben einer momenthaften Freiheit von Vorher und Nachher kann sich dieser Satz in eine Absicht transformieren, die das tägliche Tun wie ein rotes Ampellicht immer wieder mal anhält, um das Besondere des Augenblickes hervortreten zu lassen.

Letzten Sommer 2020 gab es eine bewegte Zeit, in der wir die Hygienemaßnahmen im schnellen Wechsel der sich ständig ändernden Corona-Bedingungen und Regeln anzupassen versuchten. Jede und jeder von uns kam an die Grenzen ihrer/seiner Flexibilität. Es gab endlose Diskussionen, Bedenken, Einwände, Gegenvorschläge und daraus resultierende neue Vorgehensweisen. Dieser Prozess und der damit immer lauter werdende Quengelgeist führte dazu, dass wir spontan und gemeinsam beschlossen, mit dem ständigen Hinterfragen aufzuhören, und das maximale und vielleicht sogar auch etwas Überflüssige an den Hygienemaßnahmen einfach zu befolgen.

Der Sommer war heiß und wir konnten mit dem Mittagsbufett in den Garten ziehen. Das Küchenteam trug während der Küchenarbeit fast 3 Stunden eine Maske, so wie auch alle Anderen im Haus sich durch die öffentlichen Räume mit Mundnasenschutz bewegten. Jede/r mit Maske, die Hände desinfiziert, ließ sich schon seit Wochen das Essen vom maskierten und bis dahin auch erschöpften Küchenteam am Buffet servieren. Wir aßen an 4er Tischen mit dem nötigen Abstand, die Masken abgenommen, die gefüllten Teller vor uns. Überall auf dem Rasen kleinere und größere Tische, ein langer Biertisch als Serviertisch, die Sonne im Zenit und nun war es an mir zu klackern, damit das Essen beginnen konnte. Schwere Klacker, gerade noch zu halten, - Klack - , und mein Blick streifte durch den Garten. Ein traumgleich schönes Gartenlokal! Die Sonne wärmte, ein buntes Völkchen saß um die Tische, die Gewürze vom Buffet stiegen mir in die Nase, durch den Holunder wehte eine leichte Brise über die Haut und es gab bloß das Here and Now. Just this! Abgestreift oder zur Seite gestellt, schwer zu sagen. Aber die völlige Abwesenheit von Konzepten und Befindlichkeiten, nichts Geborgtes oder Zweitrangiges im Geist. Einfach so, unmittelbar. Eine Momentaufnahme mit den Sinnen wie mit einem Lichtstrahl fotografiert. Das ist das, was nährt, bemerkt wird ohne darüber nachzudenken… und weiter geht´s.

Unseren Einstieg in die Online-Welt nannte Ryuten Rosenblum Roshi das 4. Drehen des Dharmarades

Wenn ich mich jetzt frage, was er für mich damit gemeint haben könnte, muss ich zum 1. Drehen schauen: Verletze nicht. Das Eingangstor dorthin ist für mich, mich selbst zu studieren. Mich zu kennen und um die Hindernisse zu wissen, die diese innere Abrüstung verhindern. Mir mit Aufmerksamkeit gewahr werden, wie ich das Wahrzunehmende begrüße und empfange. Das passiert in einem weiten Spektrum von persönlichen Kommentaren und Konzepten bis hin zu diesem einen Geschmack von Gleichheit, wo Himmel, Erde und ich in Bruchteilen den gleichen Körper teilen.

Das 2. Drehen: Tue Gutes. Wie gerne erinnere ich mich immer wieder an die 3 Geiste aus dem Tenzo Kyokun von Dogen. Der elterliche, der freudvolle und der große Geist. Diese Geiste gespeist von Mitfreude, Freundschaft, Mitfühlen und Gleichmut. Manchmal ist es dann der Aspekt des großen Geistes, der sich darin übt, immer weniger zu vergleichen, so dass genau dieser Keks, der beste Keks des Tages ist, oder dieses Zoom Meeting das Beste des Tages ist. Das, was genügt und was vollständig ist, zu entdecken oder zu entwickeln.

Das 3. Drehen: diesen Geist zähmen. In meiner Alltagspraxis ist dies das Bemerken meiner Gedanken und Empfindungen. Diese aufzulösen ist die Übung, die Kette der Gedanken durchzuschneiden. Vorher ist das Schwierigste, bevor Gedanken aufsteigen zu bemerken, wie sie sich subtil und in Windeseile anschleichen. Gleichzeitig oder während ist etwas einfacher, denn dann lässt sich die Entscheidung treffen aufzuhören oder weiterzumachen. Und im Nachhinein das Vergangene aufzulösen, erscheint das Einfachste, aber es braucht trotzdem oft Tage, Wochen oder Jahre. Verwicklungen entstehen im Kontext dessen, was uns umgibt, aber sie lassen sich leichter frei vom Kontext bemerken.

Ja, und was ist das 4. Drehen des Rades?
Es ist unser geradezu unmittelbares einsgerichtetes Reagieren auf die Pandemie. Das Aussetzen des Seminarbetriebes und das damit verbundene physisches Getrenntsein von der Sangha außerhalb des ZBZS führte zu vielen Online-Aktivitäten und einer Neustrukturierung unseres Alltags durch all die neuen Angebote. Viel technisches Equipment und professionelles Know-How nahmen mit den Projekthelfern ihren Einzug. Die einzelnen Arbeitsbereiche bekamen neue Schwerpunkte und mussten sich auf neue Weise aufeinander abstimmen. Und so wie die 3 ersten Drehungen des Rades nicht getrennt voneinander zu üben sind, gilt es nun, diese in das 4. Drehen zu inkorporieren. Da sind wir mittendrin und mittenbei.

In der Küche, dem Tenzoryo, gibt es in den Zeiten des 4. Drehens des Dharmarades viele Neuerungen. Da wir über längere Zeiträume eine geschlossene Kerngruppe sind, gibt es nun Küchenhelfer, die sich ausdrücklich für die Mitarbeit in der Küche anmelden können. Mit feststehenden Küchenteams ist ein befriedigenderes Arbeiten möglich, weil wir miteinander und voneinander viel Praktisches lernen können. Durch das gemeinsame Hören der Online-Vorträge können wir üben, die Lehren direkt in unser tägliches Tun einfließen und sich entfalten zu lassen. Ja, Praxis ist möglich! Mehr Raum und Gewahrsein auf unsere körperlichen Handlungen legen, auf unsere Wahrnehmung für das, was erscheint; einen Moment des Verlangsamens oder gar Anhaltens, den Null-Punkt bemerken, pausieren und sich dahinein auch bei aller Geschäftigkeit entspannen. Wenn wir das miteinander teilen, entsteht eine achtsame, neue Art geteilter Körpersprache, ein gemeinsames nichtsprachliches Vokabular, ein wechselseitiger Rhythmus. Erfahrungen, die wir bereits gemacht hatten, können sich weiter verfeinern, denn die Gegenwart der Praxis vergegenwärtigt sich dort wo sie ist.


Da das 4. Drehen eine neue Art des Ausstrahlens unserer Aktivitäten ist, könnt ihr nun seit einiger Zeit unsere Küchenrezepte online bekommen, auf unserer Facebook-Seite, sowie bei Dharma Sangha Veranstaltungen, an die ihr euch per Zoom anschließt. In wenigen Tagen beginnt unser 2. Hybrid-Sesshin, und auch dieses Mal bekommt ihr die Rezepte mit dazugehörigen Bildern. Sylvester gab es sogar ein Küchenvideo, eine kleine Kochshow, bei der wir viel Spaß hatten, euch zu Hause die Zubereitung von Bratäpfeln vorzuführen.
Diese Erweiterung meines Wirkungskreises im Netz gibt mir Gelegenheit für das geplante Johanneshof-Kochbuch vorzuarbeiten. Schon seit vielen Jahren höre ich immer wieder das Anliegen, wir könnten doch mal ein Kochbuch schreiben. Nun bin ich am Schreiben von Rezepten und mit dem Küchenteam fleißig am Fotografieren der Speisen. Diese werden weder mit Haarspray noch mit Motorenöl geschönt, und der Mythos Kochbuchfotografie sei sehr kompliziert, löst sich allmählich auf. Der aktuelle Arbeitstitel dieses Projektes ist: Zwischen Zunge und Gaumen.
Zum Abschluss möchte ich mit euch, die ich oft im vergangenen Jahr schmerzlich vermisst habe, eines meiner Lieblingsgedichte teilen. Es ist eine Übersetzung, angelehnt an ein Gedicht von Jane Hirshfield.

Sangha
Du hast meine Aufmerksamkeit gleich einer Zärtlichkeit,
die weit über das hinausgeht, was ich vielleicht sage.
Und ich habe deine Beständigkeit für etwas jenseits meiner Selbst.
Die Kraft deiner Zusage nährt uns Beide.
Uns gegenseitig ermutigend schöpfen wir es in der Gänze seiner Möglichkeiten aus.

Mit herzlichen Grüßen
Yuki Ulli

 

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