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Leerlauf für Gedanken

von
Sasche Borrée

Zuerst erschienen: in Geo Saison, Januar 2020

Was bin ich? Wer bin ich? Wer bleibt, wenn das, was mein Leben sonst so ausmacht, einfach wegfällt, für eine Woche? Fragen, die ich mir auf dem Weg in den Johanneshof immer wieder neu stelle. Der Johanneshof ist ein Zen-Kloster, gelegen hoch oben im Schwarzwald, gegründet vom amerikanischen Zen-Lehrer Zentatsu Richard Baker Roshi. Ein halbes Dutzend Menschen lebt hier auf Dauer, viele andere kommen immer wieder mal als Gäste, so wie ich.

Ich komme an, lege meine Alltagskleidung ab, ziehe mir eine schwarze Robe über, sehe dann aus wie die anderen. Die nächsten Tage folgen alle genau dem gleichen Ablauf. Wecken um 4.30 Uhr. Meditation, hier Zazen genannt, ab 5 Uhr. Wir sitzen mit dem Rücken zum Raum, schauen aus halb geöffneten Augen auf die weiße Wand, folgen nur noch unserem Atem. Zwischendurch kurz aufstehen, gehen. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, aber immerhin – auch das lockert die Beine. Danach sitzen wir weiter, rezitieren später ein paar buddhistische Texte. Frühstück, kurze Pause, wieder Sitzen. So geht das den ganzen Tag, bis um 21.30Uhr. Einzige Abwechslung: Vormittags arbeiten wir ein bisschen, irgendwer muss ja spülen, kochen, Klos putzen. Und nachmittags hält der Lehrer einen Vortrag. Sonst wird geschwiegen.

Sesshin heißt so ein streng getaktetes Zen-Retreat, das meistens eine Woche dauert. Alles ist vorgegeben. Wie ich die Hände halte (die rechte Hand umschließt die linke Faust, direkt vorm Solarplexus), einen Raum betrete (mit dem Fuß auf der Türseite zuerst), mich verbeuge. Und ich verbeuge mich oft: wenn Zazen beginnt und endet, wenn mir jemand auf dem Flur begegnet. Ich verbeuge mich vor und nach dem Rezitieren, vor und nach dem Essen. Fast alles wird gemeinsam gemacht, ist schon entschieden, ritualisiert. Die strenge Struktur engt mich ein, und sie befreit mich. Was bleibt also, wenn mein Alltag wegfällt? Atmen, sitzen. Spüren, denken.

Ich denke viel beim Sesshin. Ich schaue mir mein Denken an, sonst gibt es wenig zu tun. Ich bedenke die ganz großen Probleme (Klimawandel, Wohnungssuche), und die ganz kleinen. Ich denke, dass ich lieber draußen in der Sonne sitzen würde. Wie nett es wäre, ein bisschen früher ins Bett zu gehen. Wie lecker das Essen gerade war. Doch was immer ich auch denke: Es ändert nichts, der Tag geht trotzdem seinen gleichen Gang. Sitzen, gehen, verbeugen. Die Gedanken laufen dann manchmal richtig heiß, manchmal leer. Und manchmal werden sie flüsterleise.

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Dies ist ein Erlebnisbericht von einem Sesshin, einer Meditationswoche, von Sascha Borrée, der im Januar 2020 in der GEO Saison erschien. Falls dich diese Art von Veranstaltung interessiert, hier einige Informationen dazu: Um an einem Sesshin teilzunehmen, brauchst du Meditationserfahrung und eine persönliche Zulassung von dem*der leitenden Lehrer*in. Weitere Informationen findest du HIER. Kontaktiere dazu auch gern unser Büro.

Falls du an einer intensiveren Praxiszeit teilnehmen möchtest, die auch für Anfänger*innen geeignet ist, empfehlen wir den Praxismonat im März mit Shosan Gerald Weischede (klicke HIER) oder den Praxismonat im November mit Tatsudo Nicole Baden Roshi (klicke HIER).  

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